Leseprobe
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Auszug aus:
Die Macht der Erinnerungen: Gefangennahme Victor
Ägypten, 1963
Victor wusste, Barbara würde an diesem Morgen mit ihrem Mann nach Port Said aufbrechen. Das Schiff legte am Abend ab. Er hätte nie gedacht, dass ihn der Verlust so schmerzen würde. Sie würde aus seinem Leben verschwinden, ohne seine Gefühle zu kennen. Die letzten Monate hatte sie in Begleitung ihres Mannes verbracht und auch Ahmed hatte seine Hilfe in dieser Sache aufgekündigt, als er erkannte, dass Barbara keinen Kontakt mehr wünschte. Es war unmöglich gewesen, allein mit ihr zu sprechen. So konnte Victor nur machtlos daneben stehen. Er wusste nicht, was ihn mehr schockiert hatte, dass sie sich ihrem Mann überhaupt wieder zugewandt hatte oder dass sie ihm keine Möglichkeit eingeräumt hatte, Vergebung zu erlangen. Enttäuscht hatte er sich entschlossen dem letzten Akt dieses deprimierenden Schauspiels nicht mehr beizuwohnen und war nach Luxor aufgebrochen.
Im Ausgrabungslager wurde er schon erwartet. Kaum hatte er den Jeep verlassen, als er von fünf Soldaten umringt wurde. Innerlich noch aufgewühlt von seinen Erinnerungen an die Zeit mit Barbara, starrte er betreten in die schweigenden Gesichter der Männer. Feine Sandkristalle glitzerten in ihren dunklen Augenbrauen. Der Geruch ungewaschener Körper stieg ihm in die Nase, als sich einer der Männer bewegte. Victor verzog angewidert das Gesicht. Sofort wurde der Blick seines Gegenüber feindselig. Victor wusste genau, wer sie waren, und er ahnte bereits, weshalb sie gekommen waren. Krampfhaft suchte er nach einem Ausweg, doch der Schock war zu groß. Er war unfähig sich zu bewegen oder etwas zu sagen. Er hatte nicht die geringste Chance zu fliehen und mit einer Kugel im Rücken, hätte er ihnen nur Arbeit abgenommen. So leicht wollte er ihnen ihren Job nicht machen. Allerdings war nicht sicher, ob ihm nicht eine Kugel doch lieber gewesen wäre, wenn er auch nur die geringste Ahnung von seiner nahen Zukunft gehabt hätte.
Als ihm der Anführer ohne Erklärung die Hände mit einem rauen Strick zusammenband, konnte er nicht verhindern, dass sie zitterten. Der Mann bemerkte es und verzog seinen Mund zu einem breiten Grinsen. Mit einem kräftigen Ruck zog er die Fessel noch enger und Victor spürte schon nach einigen Minuten, wie seine Finger langsam taub wurden.
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